Text zum Thema Spiele

Zu einem meiner Beratungsgespräche für erwachsene Blinde kam einmal ein Familienvater mit seiner Frau. Er war erblindet, konnte seinen alten Beruf (Bergmann) nicht mehr weiterführen und wollte mit mir darüber reden, wie es nun weitergeht. Wir führten ein langes Gespräch und diskutierten die einzelnen Möglichkeiten, die er hatte. Dabei kamen wir natürlich auch auf Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. Ich erzählte ihm, daß es Spiele gibt, die so beschaffen sind, daß auch Blinde damit spielen können. Als Beispiel zeigte ich ihm ein Karten- und einige Brettspiele.

Ich habe diesem mann an diesem Tag viele Informationen gegeben. Aber es war eindeutig: Diese Information war für ihn die wichtigste: "Jetzt kann ich endlich wieder mit meinen Kindern richtig Mensch-Ärgere-Dich-Nicht spielen!" Sagte er mit einer Begeisterung in der Stimme, die ich bei ihm noch nicht erlebt hatte.

Spielen ist nicht nur was für Kinder. Im Gegenteil: Es ermöglicht es dem Erwachsenen, wieder mal Kind zu sein; es vermittelt Spannung, Kurzweil und vor allem Lebensfreude. Und diese Lebensfreude gibt uns die Kraft, die uns helfen kann, auch ernstere Situationen im Leben zu meistern. Hinzu kommt noch, daß gemeinsames Spielen helfen kann, Hemmungen abzubauen. Wir haben in Saarbrücken einen sog. "integrativen Spieleclub", wo blinde und sehende Menschen zusammenkommen um gemeinsam zu spielen. Auch Leute, die vorher noch nichts mit blinden Menschen zu tun hatten, fühlen sich schnell in unserem Kreise wohl und kommen immer wieder.

Die Hilfsmittelzentralen halten ein gutes Angebot an Spielen für sie Bereit. Es gibt die verbreitetsten Brettspiele (Schach, Mühle, Dame, Mensch-Ärgere-Dich-Nicht, Backgammon u. a. m.) und Kartenspiele (wie Skatkarten - deutsches oder französisches Blatt -, Uno, Schwarzer Peter).

In den letzten Jahren sind auch kleinere Hilfsmittelfirmen entstanden, die Spiele im Angebot haben bzw. die sich ganz darauf spezialisiert haben, Spiele so umzubauen, daß auch Blinde sie benutzen können. So kommen viele Ravensburger Spiele jetzt auch in blindengerechten Versionen auf den Hilfsmittelmarkt.

Wie sehen solche Spiele nun aus?

Auf dem Spielbrett sind die Felder tastbar. Sie sind entweder erhöht oder vertieft oder ihr Rand ist durch eine Punktelinie gekennzeichnet. Durch Punktelinien läßt sich auch die Richtung anzeigen, in die gezogen werden kann. Die Spielfiguren sind so beschaffen, daß sie auf dem Spielfeld fest verankert werden können; häufig erreicht man das dadurch, daß sich im Spielfeld ein Loch und unter der Figur ein Holzstift befindet, der in dieses Loch gesteckt werden kann. Tastet man nun über das Spielfeld um herauszufinden, wer wo steht, können die Figuren nicht umfallen oder wegrutschen. Die Köpfe der Spielfiguren sind unterschiedlich geformt, damit man die Farben auseinanderhalten kann. Beim Schach haben z. B. die schwarzen Spielfiguren einen Nagel im Kopf und sind dadurch leicht von den weißen zu unterscheiden. Es gibt auch Würfel, die speziell für blinde Menschen gemacht wurden: Statt Augen haben sie Nägelchen, die man besser fühlen kann. Im Spielehandel gibt es aber auch Würfel zu kaufen, bei denen die Augen als Vertiefungen gut ertastet werden können. Bei Kartenspielen ist die Sache besonders einfach: Man muß sie nur (mit Braillezeichen) beschriften. Dabei verwendet man aus Platzgründen Abkürzungen. KG kann für Kreuz-7 stehen, und jeder HK (= Herzkönig) ist sicher froh, wenn er seine HD (= Herz-Dame) findet. Wer Die Brailleschrift nicht erlernen will, kann in Hannover oder Dresden Kartenspiele kaufen, bei denen die Farben und Bilder durch tastbare Symbole dargestellt werden. Selbstverständlich werden dort auch Karten angeboten, die nach oben beschriebener Methode mit Braillezeichen gezinkt sind. Abschließend möchte ich noch ein interessantes Angebot erwähnen: Es gibt eine Spielothek, bei der man eine Vielzahl von Spielen, die für Blinde umgebaut wurden, kostenlos ausleihen kann. Einige dieser Spiele können bei Hilfsmittelfirmen käuflich erworben werden, andere muß man selbst umbauen, wenn man sie haben will. Wie das geht, kann man sich ja am Muster der Spielothek abgucken.Die Anschrift dieser Einrichtung lautet: Blindenanstalt Frankfurt, Spielothek, Adlerflychtstr. 1, 60318 Frankfurt am Main. So! Die Würfel sind gefallen! Mein Beitrag ist zu Ende. Ich wünsche eine schöne Spielzeit!

Norbert Müller

Ergänzung, geschrieben im Oktober 2002:

Ich glaube nicht, daß es die Spielothek in Frankfurt noch gibt. In Zürich existiert eine solche Einrichtung; aber ich muß noch herausfinden, inwieweit sie auch von Nicht-Schweizern genutzt werden kann. Der Spieleclub in Saarbrücken hat leider aufgehört zu existieren, nachdem ich vom Saarland nach Weil am Rhein umgezogen bin. Er war eine sehr gute "Einrichtung", und ich hoffe, daß auf diesen Seiten einmal darüber berichtet werden kann.


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